(Hatha) Yoga

Den meisten von Ihnen ist Yoga schon ein Begriff. Aber seine genaue Bedeutung liegt oft hinter nebulösen Vorstellungen von bärtigen Weisen auf einem Nagelbrett, oder von Leuten, die zu den seltsamsten Zeiten auf dem Kopf stehen, verborgen. Dies sind Auswüchse des Fakirismus, von Fanatikern praktiziert, und haben nichts mit der reinen Lehre des Yoga zu tun, wie sie in den Sanskrit-Büchern dargelegt wird.

Ebenso wenig ist Yoga nur etwas für die junge Generation, selbst wenn immer mehr Jugendliche Yoga für sich entdecken. Die wahre Schönheit von Yoga liegt in seiner unendlichen Vielfalt, die jedem, gleich welchen Alters, welchen Geschlechts, welcher Religion, etwas bietet. Yoga führt unmittelbar zum Erfolg. Ja, was ist Yoga denn eigentlich, und wie wirkt Yoga?

Grundsätzlich unterscheidet man zwei grosse Bereiche: Hatha-Yoga, mit seinen Asanas (den Körperdarstellungen) und Yoga der Meditation, von dem es wiederum fünf Formen gibt, z.B. Jnana-Yoga für Intellektuelle, eine Meditations-Technik, die auf Wissen basiert. Ein musikalischer Mensch wird sich vielleicht für Mantra-Yoga entscheiden, bei dem durch einen monotonen Sing-Sang ein tranceähnlicher Zustand erreicht wird. Ein selbstloser Mensch übt schon unbewusst eine Form des Bhakti-Yoga aus, denn Bhakti-Yoga ist Yoga der Liebe und des Dienstes am anderen.

Hier geht es um Hatha-Yoga, die einzige Form des Yoga, die sich mit der Disziplin des Körpers befasst. Wir befassen uns nur mit einem kleinen Teil des Ganzen, aber ein sehr wichtiger: denn Hatha-Yoga ist die erste Stufe auf der Leiter, die zum Endziel, dem Samadhi, der Selbsterkenntnis führt. Hatha-Yoga – den Körper beherrschen, damit sich Geist und Seele frei entfalten können. Yogi Sara Sangraha beschreibt Yoga folgendermassen: „Seele und Geist werden ruhig und ausgeglichen durch die Beherrschung des Körpers und der Gefühle; der Weg führt zum Sichtbar werden, dem Erkennen des Eigentlichen des wahren und höchsten Wesens. Dieses „wahre und höchste Wesen“ kann man sich als das schlechthin Gute in uns, als das Bild Gottes in uns, vorstellen. Yoga heisst, wörtlich übersetzt, das Joch, oder die Vereinigung. Yoga zeigt uns den Weg der Selbstbefreiung, und welcher Religion wir auch angehören, Yoga vertieft sie.

Erst wenn man den Körper beherrscht, können Geist und Seele frei sein. Wenn seine Funktionen alle nach einer vollkommenen Ordnung ablaufen, wenn keine Schmerzen von der Meditation ablenken, gelingt die Versenkung. So wie man die Schönheit der vorbeigleitenden Natur kaum wahrnehmen kann, wenn man im Auto durch ratternde Geräusche oder einen gebrochenen Stossdämpfer gestört wird, genau so wenig kann man sich auf Gedanken konzentrieren, wenn die Steifheit der Muskeln oder des Rückens schmerzt. Hatha-Yoga ist auf die organische Gesundheit ausgerichtet, nicht auf die Entwicklung von Muskeln, obwohl dies ein angenehmer Nebeneffekt ist.

In Indien sind Yogaübungen seit ca. 5000 Jahren bekannt. Erst in den letzten Jahrzehnten wurde durch breit angelegte medizinwissenschaftliche Forschungen ihre präventive und therapeutische Wirkung nachgewiesen. Yoga ist nicht eine Alternative zur Medizin, sondern verdient seinen Platz als vollwertiger Bestandteile der modernen Medizin.

Wenn man die alte indische Heilkunde genannt „Ayurveda“ anhand ihrer Quellentexte studiert, kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Bereits im siebten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung war in Indien die Pockenimpfung bekannt, gab es plastisch-chirurgische Massnahmen zur Wiederherstellung eines verletzten und verunstalteten Gesichts, kannte man eine Methode zur Zertrümmerung von Harnsteinen usw. Die angegebenen Verfahren sind mit denen, die die moderne Medizin seit den letzten hundertfünfzig Jahren anwendet, weitgehend identisch. Zur gleichen Zeit wurde in Indien eine Form der Anämie mit roher Leber bekämpft. Es handelt sich um dasselbe Verfahren, für das Whipple und andere Autoren im Jahre 1934 den Nobelpreis zugesprochen erhielten.

Zwischen Ayurveda und Yoga bestanden seit jeher eine enge Beziehungen. Die Übungen des Yoga waren ein Teil der indischen Heilkunde. Im Wesentlichen kann man dabei Yoga in drei Teile gliedern: Allgemeine Lebensregeln, körperliche Disziplinen und geistige Übungen.